Innovation & Technologie

Die neue Sachlichkeit der digitalen Moderne

| Markus Hartbauer

Die Grenzen von Handwerk und Kunst, Technik und Industrie, Architektur und Bauen überwinden und in einer neuen, ganzheitlichen Philosophie vereinen: Mit diesem revolutionären Anspruch bereiteten die Gründer der Bauhaus-Bewegung vor 100 Jahren den Boden für eine neue Ära der Ästhetik in Architektur und Design. Von diesem Ansatz können Software-Architekten bis heute lernen.

„Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau! … Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte!“ Mit diesen fast salbungsvollen Worten formulierte Walter Gropius in seinem Bauhaus-Manifest im April 1919 seinen Anspruch an die Programmatik der neugegründeten Weimarer Schule des Bauens. Auch wenn die Wortwahl im Manifest uns heute etwas pathetisch vorkommt, hat die Idee dahinter auch 100 Jahre später nichts an Strahlkraft eingebüßt. Als Gegenentwurf zur Verspieltheit des Jugendstils prägten damit namhafte Künstler wie Paul Klee und Wassily Kandinsky oder Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe als Bauhaus-Lehrer die nüchterne Formsprache der Klassischen Moderne. Die Basis: Ein Kunsthandwerk, für das der industrialisierte Massenkonsum des 20. Jahrhunderts keine Bedrohung darstellte, sondern den Nährboden bereitete – dank eines radikal ganzheitlichen Ansatzes: Die Künstler und Handwerker beschäftigten sich mit jeder Art von Werkstoff, und das anwendungsübergreifend bei der Städteplanung, bei Wohnobjekten und Einrichtungsgegenständen. Fast so, wie wir heute in Unternehmen daran arbeiten, alte Silos aufzubrechen, zu kooperieren und Synergie-Effekte zwischen den Gewerken zu nutzen. Ein Programm, das unser gesellschaftliches Verständnis von Architektur und Design, Form und Ästhetik bis heute prägt. Nehmen wir nur die Entwürfe des Industriedesigners Dieter Rams, mit denen dieser ab Ende der 1950er Jahre die Elektromarke Braun zur Stilikone formte – und damit eine Generation später zum Vorbild für die stilprägende Ästhetik von Apple wurde.

Stilprägend für das digitale Zeitalter

Was das alles mit Software und Websites zu tun hat? Jede Menge. Denn auch bei Digital-Designern sind Bauhaus-Prinzipien wieder aktuell. Die neue Sachlichkeit steht bei den UI/UX-Entwicklern der Digitalisierung hoch im Kurs: Wo man vor ein paar Jahren noch versucht hat, in den grafischen Oberflächen die wirkliche Welt abzubilden (der sogenannte „Skeumorphismus“), schlägt das Pendel nun zurück zur Einfachheit. Wir sehen eine klare Entwicklung von der Verspieltheit zur Reduktion, mit möglichst schlichten Oberflächen und einer simplifizierten Formen- und Farbensprache. Wo Farben eingesetzt werden, fördern sie das menschliche Verständnis von Oberflächen und User Interfaces. Entwicklungen, die sich ganz deutlich an den Vorstellungen von Architektur, Inneneinrichtung oder dem Möbelbau orientieren, wie die Bauhaus-Schule sie postuliert hat.

Innenarchitektur für den virtuellen Raum

Dass diese architektonischen Prinzipien heute in die digitale Welt übertragen werden, ist kein Wunder. Wenn wir das Internet beschreiben, den Cyberspace, dann sprechen wir darüber häufig in räumlichen Metaphern: Wir sprechen von Download, Upload, E-Mail-Adresse, gehen mal eben „rüber zu Instagram“. Kurz: Wir nutzen im Netz örtliche Angaben, weil der Mensch seit Jahrtausenden in Räumen denkt und wir uns im Grunde seit der Höhlenmalerei mit Inneneinrichtung beschäftigen. Beim Versuch, die digitale Revolution des Internets sprachlich zu fassen, greifen wir also unbewusst auf etwas sehr Bewährtes zurück. In diesem Sinne bewirtschaftet auch jeder Mensch seinen persönlichen Computer als eine Art „Screen Real Estate“: Der Desktop wird zum Teil des eigenen Büros – in dem man sich fast jeden Tag aufhält.

Diesen digitalen Raum wollen wir Software-Architekten durch die passenden Anwendungen mitgestalten – so wie das klassische Architekten mit echten Räumen tun. Bei SER arbeiten wir deshalb mit ganz ähnlichen Prinzipien wie seinerzeit das Bauhaus – auch „unter der Haube“: Wir nehmen unterschiedliche, aber dennoch standardisierten Software-Bauteile und schaffen Lösungen, die zu den spezifischen Anforderungen unserer Kunden passen. Es geht dabei um Qualität, aber auch um Einfachheit und Vereinheitlichung, um die Beschränkung auf das Wesentliche und die Wiederverwendung von bestimmten Mustern. Die modulare Arbeit erleichtert die Wartbarkeit, reduziert die Fehleranfälligkeit und senkt die Kosten, bei gleichzeitig hoher Leistung. Auch im Bauhaus war das der Anspruch: Ausgezeichnete Qualität, innovatives Design – aber als industrialisierte Lösung mit hoher Praktikabilität für möglichst viele Menschen.

Formen und ihre Funktion

Seien wir ruhig ehrlich: Business-Lösungen haben diesen Anspruch nicht immer erfüllt. Software aus früheren Tagen war im Design oft grauenhaft funktionalistisch. Unzählige Schaltflächen und Informationen auf einer einzigen Oberfläche, das alles mit dem Charme einer schlecht formatierten Excel-Tabelle. Die Nutzer sollten schnell auf alle Funktionen zugreifen können; dass man sie dabei aber oft kognitiv überlastete, erkannten die Designer erst später. Heute wird deshalb versucht, dem Anwender niederschwellig entgegenzukommen, ihm bei seinen täglichen Arbeiten zu helfen und dabei unaufdringlich zu sein. Ganz nach dem bekannten Motto: „Form follows function“. Beide Seiten müssen bei diesem Prinzip aber austariert sein: So wenig wie die Form zum Selbstzweck werden darf (etwa als heillos verspieltes User Interface) so wenig darf es nur auf die Funktion ankommen; sonst landen wir wieder in den grauen Excel-Tabellen von anno dazumal.

Im Sinne der Bauhaus-Prinzipien designen wir bei SER relativ schlichte Oberflächen. Das ist alles andere als retro oder langweilig: Die Ergonomik hat einfach festgestellt, dass die Menschen ihre Arbeit am besten mit möglichst wenig kognitiver Zusatzleistung erledigen. Eine gute Business-Lösung fordert die Nutzer so wenig wie möglich, damit sie nicht ermüden und sich auf ihre tatsächliche Arbeit konzentrieren können. Es geht um Ästhetik, Reduktion und Standardisierung.

Eine Frage der Haltung

Aber es geht auch um eine Frage der inneren Haltung: Das Bauhaus hat immer versucht, die Technik mit der Kunst zu verbinden. Software profitiert von diesem Ansatz: Die Technik ist der Programmcode, von dem der Anwender bestenfalls nichts mitbekommt. Die Kunst ist es, dem Anwender eine Erfahrung zu bieten, die er gerne macht, die ihm aber gleichzeitig einen Nutzen bringt, weil sie ihm die Arbeit erleichtert. So gelingt bei Software die Synthese von Kunst und Technik.

Gutes Design ist deshalb nicht nur fürs Auge. In der Phase, in der der Kunde seine Kaufentscheidung trifft, kann er nur selten in den Quellcode schauen. Hier sind die Oberflächen und das User Interface Design durchweg entscheidend – und werden in Zukunft noch wichtiger. Auch, weil sich die Unterscheidung zwischen den Anforderungen an Consumer-Software für Endnutzer und Business-Software für die Anwender in den Unternehmen mehr angleichen: Wer am Sonntag sein iPhone nutzt, auf Facebook postet oder bei Amazon bestellt, steigt am Montagmorgen wieder in seinen Anzug, fährt zur Arbeit und trifft dort Geschäftsentscheidungen. Kurz: Wer im Privatleben gewohnt ist, gefällige, intuitive Oberflächen zu bedienen, will auch im Job nicht mehr darauf verzichten. Weshalb wir bei SER die Anwender unserer Business-Software unisono als Konsumenten adressieren.

Der Bau der Zukunft

Bedienbarkeit und User Experience sind unverzichtbare Kriterien, Vereinfachung ein zentrales Konzept. Genau wie beim Material Design von Google: Auch hier ist die Reduktion auf das Wesentliche entscheidend. Eine neue Sachlichkeit im digitalen Zeitalter. So, wie Bauhaus-Chef Gropius es schon vor 100 Jahren vorgedacht hat: „Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft“, schrieb er 1919 in das Gründungsmanifest. Eine Arbeit, die sich Software-Architekten jeden Tag aufs Neue vornehmen.

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